Gewinner 2020

ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL
Regie: Caroline Link

Anna ist erst neun Jahre alt, als sich ihr Leben von Grund auf ändert: Um den Nazis zu entkommen, muss ihr Vater nach Zürich fliehen; seine Familie folgt ihm kurze Zeit später. Anna lässt alles zurück, auch ihr geliebtes rosa Stoffkaninchen, und muss sich in der Fremde einem neuen Leben voller Herausforderungen und Entbehrungen stellen. Eine berührende Geschichte über Zusammenhalt, Zuversicht und darüber, was es heißt, eine Familie zu sein einfühlsam inszeniert von Oscar-Preisträgerin Caroline Link.

Begründung der Jury

Die Verfolgung der europäischen Jüdinnen und Juden während des Nationalsozialismus war im Film und Fernsehen der Nachkriegszeit zunächst allenfalls ein randständiges Thema. Mit der zunehmenden Konjunktur seit den  1970er Jahren ging dann allerdings auch ein Prozess einher, den man als Ikonisierung und Stereotypisierung charakterisieren könnte: Jeder kennt die dokumentarischen und inszenierten Bilder von Massenaufmärschen, fanatischen Nazis, marodierenden SA-Trupps und psychopathisch überzeichneten SS-Männern – ganz zu schweigen von den verbreiteten „Ikonen der Vernichtung“ (Cornelia Brink) wie etwa dem Tor von Auschwitz. Diese Bilder sind heute häufig Teil von Überwältigungsdramaturgien, die kaum Raum für eine reflexive Auseinandersetzung mit Geschichte lassen.

Nichts davon findet sich in Caroline Links Verfilmung von Judith Kerrs autobiographischem Roman ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL. Stattdessen sehen wir vor allem zu Anfang Bilder wie aus einer Urlaubsidylle, und die Verleiher von Nazi-Uniformen haben an diesem Film garantiert keinen Cent verdient. All das, was in der visuellen Erinnerungskultur von heute die Zeit des Nationalsozialismus ausmacht, fehlt. Damit einher geht die Abwesenheit von emotionaler Überwältigung. Unrecht und Gefahr, Verfolgung und Angst bestimmen stets die Realität der Familie, aber sie bleiben mehr oder minder latent, was sie eher noch wirkungsvoller macht, und sie werden zudem durch die kindliche Perspektive gebrochen.

Letztere ist auch dafür verantwortlich, dass ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL ein Familienfilm im besten Sinne ist, nämlich ein Film für Erwachsene und Kinder, der sich trotzdem nicht in Harmlosigkeit verliert. Vielmehr leistet er historische Aufklärung gerade auch für Kinder und Jugendliche. Was Flucht und Exil bedeuten, der Verlust von Zugehörigkeit, Sicherheit und Unbeschwertheit, wird hier auch für jene greifbar, für die Politik und Geschichte noch eher abstrakte Größen sind. Geschichte wird so nahbar: Sie erscheint viel weniger als abgeschlossene, „dunkle“ Vergangenheit einer überwundenen Epoche, denn als Normalität, die jeden treffen kann und die für Flüchtlinge auch in der Gegenwart bittere Realität ist.

Überzeugt hat die Jury nicht nur, wie stimmig all dies auf ästhetischer und dramaturgischer Ebene umgesetzt ist. Beeindruckt hat uns auch der Mut, sich bei diesem schwierigen Thema den etablierten diskursiven Mustern und damit eben auch dem Mainstream gesellschaftlicher Erwartungen und Vermarktungslogiken zu entziehen.

Die Laudatorin
Susan Neiman

Die Jury
setzt sich aus den Mitgliedern des »moving history – Festival des historischen Films Potsdam e.V.« zusammen: Der Festivalleiterin Ilka Brombach, den Vorstandsmitgliedern Christoph Classen, Claudia Lenssen, Felix Moeller, Sachiko Schmidt und Chris Wahl.

Produktionsdaten

Uraufführung
08.12.2019, Zoo Palast (Berlin)
Laufzeit
119 Min.
Regie
Caroline Link
Drehbuch
Caroline Link, Anna Brüggemann nach der gleichnamigen Vorlage von Judith Kerr (1971)
Kamera
Bella Halben
Schnitt
Patricia Rommel
Musik
Hauschka
Produktion
Jochen Laube, Fabian Maubach und Clementina Hegewisch für Sommerhaus Filmproduktion GmbH (Ludwigsburg)